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Wandbild
 
Das Wandbild im Lichthof des Studentenhauses in der St.-Georg-Str. ist eines der wenigen Bilder in Rostock, das Bezug auf ein historisches Ereignis nimmt. Es ist auf 1964 datiert und trägt den Titel: "Ulrich von Hutten verteilt seine aus Frankfurt eingetroffenen Querellen vor der alten Universität zu Rostock - 1548".
 
Querelen ist eigenartigerweise falsch geschrieben worden. Zufall oder Versehen? Kaum vorstellbar bei dieser großangelegten Arbeit. Der Ahrenshooper Maler (Arnold Klünder) kann nicht mehr gefragt werden, er ist bereits verstorben.
Das Bild zeigt einen Massenauflauf von Bürgern, die sich für jene Hefte interessieren, die gerade aus Frankfurt eingetroffen sind. Die Gesichter sind ernst und andächtig, dem bedeutungsschweren Inhalt der "Querelen" angemessen; schließlich schreiben wir das Jahr 1548, Hochzeit der Reformation in Rostock. Von Hutten steht stattlich und edel in der Mitte, als Propagandist der neuen Idee des Humanismus.
Wer war von Hutten und was tat er eigentlich in Rostock?
 
Ulrich von Hutten war während der frühen Reformationszeit einer der wichtigsten Humanisten nördlich der Alpen. Seine lateinisch geschriebenen Dialoge sind literarische Kunstwerke. Seine Schrift über die Heilung des Syphilis gilt als Quelle ersten Ranges für die Entwicklung der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit.
Er wurde 1488 bei Fulda geboren und stammt aus altem Reichsrittergeschlecht, besuchte ab 1499 die Klosterschule Fulda. Seine Flucht von dort führte 1505 zum Entzug der väterlichen Unterstützung. Er studierte dann an den Universitäten in Erfurt, Köln, Leipzig, Frankfurt/O. Im Spätherbst 1509 kam er völlig mittellos nach Greifswald. Dort wurde er zunächst wohl aufgenommen, unentgeltlich immatrikuliert und auch sonst unterstützt. Vater (Bürgermeister) und Sohn Lötz (Prof.) sponserten ihn. Von Hutten verkehrte in ihrem Haus und bekam wohl auch privat Zugang zur Greifswalder Geisteswelt. Doch plötzlich schlug die günstige Stimmung um, derart, dass von Hutten es für angemessen hielt, mitten im Winter mittellos nach Rostock zu wandern. Die Herren Lötz forderten auch Geld und Kleidung zurück, ließen ihn zwar ziehen, doch schickten sie ihm aus Rache Stadtdiener hinterher. So berichtete jedenfalls von Hutten. Bereits am ersten Wandertag wurde er beim Überqueren eines gefrorenen Sumpfes überfallen, misshandelt und seiner warmen Kleider und Skripten beraubt. Bettelnd schleppte er sich bei eisiger Kälte nach Rostock durch, wo er kurz vor Neujahr 1510 schwerkrank in einer Vorstadtkneipe an der Tessiner Chaussee liegen blieb. Er hatte sich 1508 in Leipzig mit der Syphilis infiziert und litt zeitlebens stark an deren Symptomen. Er wurde im St.-Georg-Hospital vor dem Steintor gepflegt. Durch lateinische Gedichte versuchte von Hutten von dort aus, bei den Professoren der Universität Aufmerksamkeit zu erlangen und hatte bei dem mildtätigen Phil.-Prof. Egbert Halem Glück. Halem nahm von Hutten in seine Wohnung auf. Vielleicht war es auch so gewesen: Man fand ihn mit einem schäbigen Zettel in der Hand, auf dem einige lateinische Verse standen. Die Nachricht vom Bettler mit höherer Bildung gelangte zu Halem, der ihn aufnahm. In der Folge hatte er sich vom Lehrkörper unterstützen lassen, war aber weder immatrikuliert, noch hatte er Lehrveranstaltungen gehalten. Trotz jahrelangen Studiums hatte er dafür noch keine Befugnis erworben. Er hielt aber bei Studenten und Professoren gefeierte schöngeistige Vorträge zu den lateinischen Klassikern.
 
Die wiedergewonnenen Kräfte benutzte von Hutten nun dazu, seinem Zorn gegen die Lötz in einer längeren Dichtung Luft zu machen. Er schrieb in elegantem Latein seine sogenannten Querelen, eine Sammlung von 20 Elegien, in welchen er den Tatbestand mitteilt und Lötz denunziert. Von Hutten ging es darum, den Urheber seiner Leiden öffentlich zu brandmarken. Er hoffte, seine Standesgenossen würden nach Erscheinen irgend etwas gegen Lötz unternehmen. Seine Aktivitäten verliefen im Sande. Die Querelen wurden in Rostock nicht gedruckt, da die Rostocker Professoren zurecht keine Feindschaft mit den Greifswaldern provozieren wollten. Der Druck sollte in Frankfurt erfolgen, weshalb von Hutten noch 1510 Rostock trotz bester Lebensbedingungen verließ. 1510 tauchte er aber schon wieder in Wittenberg auf, zog dann weiter über Wien, Rom, Bologna. Er schrieb, später auch in deutsch, Satiren, Reden, Briefe, Streitschriften. 1523 floh er nach Niederlage einer Rebellion in die Schweiz, wo er 35-jährig starb.
 
Max Hobrecht äußerte in seinem Buch "Hutten in Rostock" von 1886 (Stadtarchiv Rostock) folgendes: "Im Frühling 1509 verlässt der damals 21-jährige Frankfurt/Oder und ist damit spurlos verschwunden, bis er im Spätherbst 1509 in der Nähe Greifswalds Schiffbruch erlitt. Während er uns über seine Greifswalder Beziehungen und seine Übersiedlung nach Rostock selbst sehr redselig unterrichtet, erfahren wir weder durch ihn noch auf anderem Wege, von welchem Hafen das Schiff, mit dem er strandete, gekommen, ebenso wenig, wo er jenen Sommer des Jahres 1509 verlebt, ... zugleich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als lägen in jener unaufgeklärten Zeit die ersten Ursachen der üblen Behandlung, die Hutten bei seinem Fortgange aus Greifswald erlitten." Hobrecht forschte und entdeckte ein Bändchen mit 10 Gedichten, in denen von Hutten einen Rügenaufenthalt mit folgendem Schiffbruch verarbeitete. "In seinen Gedichten stimmt er einen Ton an, der die übermütige Jugend an sich zieht, aber bei Gelehrten widerwärtig machte." Er las seine Gedichte vor und plauderte wohl über Rüganer. Auch ging es hier um eine Liebschaft. Von Hutten hatte als gekränkter und zurückgesetzter Liebhaber allerlei zu erzählen. So wird er seinen Sponsoren, den Herren Lötz, erst unbequem und später verhasst geworden sein. Von Hutten beachtete auch nicht, dass sein Greifswalder Vortrag ein Echo auf Rügen hatte. Die Erinnerung an seine gefährliche Seefahrt brachte ihm Rügen von Greifswald hunderte Meilen weg. Der Überfall vor Greifswald galt genau diesen Gedichten, die, nur als Manuskript vorhanden, somit von der Bildfläche verschwanden. Es war von den Rüganer Edelleuten so geschickt eingefädelt, dass von Hutten voll auf die falsche Fährte gesetzt wurde.
 

Das Wandbild im Studentenwerk zeigt unter diesem Hintergrund, wie Geschichte ideologischen Bedürfnissen angepasst wird. Es ist offensichtlich ein reines Phantasieprodukt: Von Hutten war klein, schmächtig und ständig krank. Das Bild lässt ihn 25 Jahre nach seinem Tod neu entstehen.
Die künstlerische Ausführung des Wandbildes ist sehr professionell. Der Maler beherrschte Proportionen und Verkürzungen. Die teilweise stehengelassene Vorzeichnung wirkt locker und ist präzise gesetzt.
 

Das Werk hatte in den letzten Jahren stark gelitten. Im unteren Bereich entstanden infolge mechanischer Einwirkung diverse Putzlöcher und Kratzspuren. Ab Kopfhöhe lag die Farbe teilweise nur lose auf und bröselte bei Berührung ab. Der obere Teil wurde durch einen Wasserschaden zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen. Es war abzusehen, dass wesentliche Bildteile in einigen Jahren bis zur Unkenntlichkeit von Details zerstört wären.
In den Jahren 2000/02 erfolgten Restaurierungsarbeiten.
Ziel war es, die drohende Zerstörung abzuwenden und einen farbigen, ganzheitlich-geschlossenen Zustand zu erreichen.

Übrigens: Die Querelen wurden tatsächlich in Frankfurt gedruckt und an Intellektuelle verschickt. Nur vier Exemplare sind erhalten geblieben. Man vermutet deshalb, dass Lötz die Auflage europaweit aus den Verkehr ziehen ließ.
 
Jörg Sedl
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